24 Stunden in Santiago de Chile.
Samstag, 30. April 2011 4:17
Santiago de Chile gehört zu den Städten, die einen entweder völlig kalt lassen oder sofort in ihren Bann ziehen. Mich darf man getrost zur zweiten Gruppe zählen. Wer demnächst einen Trip nach Santiago de Chile plant und sich ebenfalls dieser Gruppe anschließen will, sollte seine ersten 24 Stunden in dieser Stadt nach dem folgenden Muster planen:
6:30 Uhr: Ankunft am Busterminal in Santiago de Chile. Damit Du nicht den ganzen Tag mit einer Blase am Ohr rumläufst, solltest du bornierte und anstregenden Amis als Sitznachbar vermeiden.
6:45 Uhr: Sollte dich deine Gutmütigkeit doch in ein aussichtsloses Gespräch verwickelt haben, stürze dich auf den nächstbesten Holländer (naja, vielleicht auf den übernächstbesten – nur um weiteren Kontakt mit dem siechenden Holländer aus Patagonien zu vermeiden) damit du dir ein Taxi zum Hostel teilen kannst.
7:15 Uhr: Geh in ein Hostel im Stadtteil Bellavista. Der Name des Studentenviertels ist Programm: schöne Aussicht auf noch schönere Frauen.
7:30 Uhr: Die frühe Ankunft verhindert einen Check-In in deiner Unterkunft (erst ab 14:30 Uhr möglich). Keine Panik: dies wird der Auftakt zu einer Verkettung von unvergesslichen Erlebnissen. Zunächst aber musst du frühstücken – am Ende des Tages wirst du endlich verstehen, warum das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist.
8:00 Uhr: Da du dich nicht schlafen legen kannst, solltest du dir eingehend Gedanken über die Planung des vor dir liegenden Tages machen. Oder du folgst einfach einem Flyer, den zu zufällig entdeckst und gehst auf eine kostenlose Stadttour.
8:30 Uhr: Die U-Bahn ist wirklich idiotensicher. Deswegen wirst du es noch rechtzeitig zum Tour-Start auf die Plaza de Armas schaffen. Fernando – dein Tourguide – wird dir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und geschichtlichen Hintergründe auf interessante Art und Weise näher bringen. Und er wird dich auf all die wichtigen Dinge hinweisen, die nicht in diversen Guidebooks stehen. Auch Dinge, die Du nie wissen wolltest … aber dazu später mehr.
12:30 Uhr: Du solltest dich langsam wieder etwas stärken. Ein Mittagessen mit einem klassischen Pisco Sour hilft Dir in die richtige Spur. Im Spanischen gibt es zwar für die Geschmacksrichtung “sauer” kein richtiges Wort, dennoch werden die Chilenen sauer, wenn du deren National-Getränk nicht wenigstens probierst.
13:00 Uhr: Einen (und wirklich nur einen) Pisco Sour später, solltest Du auf einen Sprung in das “Museo de la Memoria y Los Derechos Humanos” gehen. Hier arbeiten die Chilenen die Zeit unter Pinochet auf. Hochinteressant und absolut nahegehend.
15:00 Uhr: Der lange Tag (und die kurze Nacht) zollen langsam ihren Tribut. Deswegen (und wegen der sehr speziellen Kaffeekultur in Chile) solltest Du einen Abstecher in ein Café machen und den berühmt berüchtigten “Coffee with legs” probieren. Halte einfach Ausschau nach einem Café, in dem überproportional viele männliche Geschäftsleute verkehren und du kannst nichts falsch machen. Der Kaffee ist ziemlich vernachlässigenswert. Mehr Beachtung solltest Du den hübschen, langbeinigen Bedienungen schenken, die dir aufreizend gekleitet Kaffee servieren. Daher also der Begriff “Kaffee mit Beinen”. Und wenn man Glück hat, sitzt du gerade rechtzeitig zur “Happy Minute” im Café. Dann werden die Vorhänge zu- und die Klamotten ausgezogen. Nach einer Minute ist alles wieder beim Alten … kaum zu fassen, dass dies ein festverankerter Teil der chilenischen (Kaffee-)Kultur sein soll.
15:30 Uhr: Schnapp dir den kommunikationsfreudigen Teil der Tour(isten)-Gruppe und gib ein erfrischendes Bier aus. Keine Sorge – im Studentenviertel Bellavista kostet dich das einen Klacks. Dabei kannst Du dir einen Eindruck davon machen, wie schnell man mit Chilenen ins Gespräch kommt. Wenn Du dabei zufällig auf eine kopulationswütige chilenische Ausgabe von Gwen Stefani triffst, tu was ich nicht auch tun würde.
17:30 Uhr: Zum Bier gehört immer auch eine Kleinigkeit zu essen. Insofern ist es äußerst praktisch, dass man auf dieser Partymeile auch billig essen kann. Ist es dir vom billigen Bier noch nicht schlecht, solltest Du folgendes Gericht probieren:
18:00 Uhr: Heute ist die einzige Gelegenheit ein Spiel des wohl bekanntesten chilenischen Fussballclubs Colo Colo live zu sehen? Macht nichts – ab ins Stadion und sich ein Ticket greifen. Dein Team verliert? Gegen irgendeinen Provinzclub? Egal – ein echter Colo Colo-Fanatico feiert sich selbst. Zudem kannst Du die Zeit nutzen und dich ausnüchtern – denn im Stadion herrscht Alkoholverbot (und das aus gutem Grund).
21:00 Uhr: Was, es ist schon neun? Dann aber schnell ins Hostel und einchecken. Duschen, sich in Schale werfen (soweit Du das als Backpacker kannst) und zurück auf die Straße mit Dir, denn um …
22:00 Uhr: … 10 triffst du dich mit deinen neuen Freunden aus der Touristen-Gruppe. Du kannst erst von dir behaupten, Santiago richtig gesehen zu haben, wenn du einen “Terremoto” im La Piojera, der abgehalftesten Kneipe Santiagos, getrunken hast. “Terremoto” bedeutet Erdbeben und genauso verhält sich das kühle Nass auch. Ein übler Mix aus Rotwein, Pisco, Ananas-Eis und einem Schuss Grenadine. Wichtiger Hinweis: benutze die Toiletten bevor 22 Uhr, alles andere wäre fahrlässig. Ach es ist ja schon fast 11 …
23:00 Uhr: Dein Magen ist noch voll in Schuss, könnte aber etwas Abwechslung zum vorausgegangen Erdbeben gebrauchen? Na dann nichts wie hin zum nächsten Imbiss-Stand und ran an den Speck. Die hier angepriesenen Sandwiches heißen “As”. Fälschlicherweise werden sie oft auch “Ass” geschrieben, weswegen sich “We just go and grab some ass …” schnell in deiner Alltagssprache etablieren wird. Egal wie – lecker sind sie allemal.
23:30 Uhr: Müde? Ach was – siehst du diesen Comedy-Salsa-Tanz-Club auf der anderen Straßenseite? Das sieht doch vielsprechend aus – also nichts wie rein. Der Standup-Comedian nimmt auch gewiss keine Rücksicht auf deine sensible Ausländer-Seele und füllt mit dir als Zielscheibe des Spotts die nächsten 10 Minuten seines Programms. Das kommt Dir Spanisch vor? Macht nix – weitere 10 Minuten später muss auch er den Platz für die Salsa-gierige Zuschauergruppe räumen. Nur keine Scheu, die Chilenen haben auch keine – also rauf auf’s Parkett und tanzen bis die Lichter ausgehen.
3:30 Uhr: Völlig durchgeschwitzt, mit Blasen an den Füßen, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, verläßt du den Schuppen. Die andere Hälfte des Nachtlebens spielt sich auf der Straße ab. Also spielst du mit …
5:30 Uhr: Die Müdigkeit ist stärker als die Faszination für diese Stadt? Dann wird’s Zeit die Akkus wieder aufzuladen. Du stolperst Richtung Hostel und fällst in dein Bett. Wenn Du das Schnarchen deines Zimmergenossen als Surren der nimmermüden Stadt interpretierst, hast du alles richtig gemacht. Du solltest jetzt schlafen – der nächste Tag hat wieder 24 Stunden.
Hier gibt’s Bilder aus Santiago de Chile:
http://www.suitcasestories.de/bilder/47_santiago_de_chile
Thema: Chile, Reise | Kommentare (1) | Autor: Tobi






