Wir sind Papst.

Wahrlich ich sage Euch: Selig sind die, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden. (Matthäusevangelium 5,3-10)

Damit man also getröstet werden kann, muss man zunächst Leid erfahren. Das geht beim Eintritt in das (neue) gelobte Land auch ohne Probleme. Zunächst baut man eine Grundunzufriedenheit auf. Dazu setze man sich in einen Mini-Bus und fährt 4,5 Stunden über Stock und Stein an die Grenze. Damit diese Anstrengung nicht umsonst war und durch die aufkommende Neugier auf das gelobte Land abgemildert wird, darf man bei 33° im Schatten 4 Grenzstationen überqueren. Das dauert so ca. 3,5 Stunden. Damit sichergestellt ist, dass man beim Grenzübertritt auch wirklich die richtige Leidensfähigkeit entwickelt wird, absolviert man eine Spießrutenlauf durch Schlepper, Nepper und Touristenfänger. Man kann sich natürlich das ganze Theater auch sparen, indem man einfach die Grenzmänner schmiert. Aber das wäre ja zu einfach!

Egal wie, man ist dann auf jeden Fall durch und befindet sich in … Afrika. Ja! Wenn man in Kambodscha einreist, ist das erste was einem in den Sinn schießt: Hab ich jetzt den Kontinent gewechselt? Diese Land ist so anders als die anderen südostasiatischen Länder. Die Armut ist an allen Ecken und Enden sichtbar, die Leute leben mehr in Hütten als in Häusern, überall staubt es, da geteerte Straßen eher die Ausnahme sind. Und selbst in den Städten sind zumindest die Gehwege noch offen. Straßenlaternen sucht man vergeblich.

Und was einen völlig konsternieren lässt ist die Tatsache, dass Dir trotz Armut und jahrzehntelanger Schreckensherrschaft und politischer Instabilität die Leute immer mit einem Lachen gegenübertreten und auch untereinander mit Vorliebe herumflachsen. Das, was mich an Vietnam so fasziniert hat findet hier seinen Höhepunkt.
Und selbst da gibt es noch eine Steigerung. Die Kinder in Kambodscha werden quasi mit einem Winke-Tourette geboren. Als ich die 8-stündige Bootsfahrt von Seam Reap nach Battambang durch die schwimmenden Dörfer gemacht habe, bekam ich eine eindrucksvolle Kostbrobe dieser mysteriösen Krankheit. Und die ist ansteckend. Sobald die Kleinen das Boot entdeckt hatten, wurden die Fingerchen ausgepackt und gewunken und gelacht was das Zeug hält. Man kommt aus dem Zurückwinken gar nicht mehr raus. So muss sich also der Papst fühlen, wenn er in Südamerika aufschlägt.

Und da wir ja nun Papst sind, lässt man sich nicht Lumpen und wählt als nächstes Fortbewegungsmittel ein Papamobil. Der Mini-Van in der Größe eines VW-Busses soll in kambodianischer Zeitrechnung den Weg vom Zentrum des Landes (Kratie) nach Phnom Penh in 4 Stunden schaffen. Kambodianische Zeitrechnung heißt, es dauert 8 Stunden. Ich hab das Gefühl, egal was man hier macht, alles dauert grundsätzlich 8 Stunden. Vielleicht könnte denen mal jemand die Bedeutung der restlichen neun Ziffern erklären.

Bei der Gelegenheit müsste den Khmer auch das dazugehörige Zählsystem näher gebracht werden. Denn offensichtlich gibt es hier immensen Nachholbedarf. Unser Papamobil ist ausgelegt für – wenn‘s hochkommt – 11 Personen. Das man den vorhandenen Raum aber noch viel effizienter nutzen kann zeigt dieses Beispiel. In so einen Mini-Bus passen:

•    22 Männer
•    3 Frauen
•    3 Kinder
•    8 schwere Holztüren (unter den Füßen durchgeschoben)
•    10 Taschen
•    3 dicke Reissäcke

Alles was man braucht ist einen kleinen Bus, 2 Seile zum Verzurren der Heckklappe und einen Freiwilligen, der sich die Fahrt über auf‘s Dach setzt. 8 Stunden können echt lang sein und ich war nicht der, der auf dem Dach gesessen ist … Ich habe mich aber gut unterhalten – glaub ich zumindest. Ich habe auf der Fahrt ein sehr intensives Gespräch mit meinen Sitznachbarn geführt. Wir sprachen so über Dinge und Zeug. So Sachen eben. Also um ehrlich zu sein: ich habe kein Wort von dem Englisch-Khmer-Mischmasch verstanden, aber ich bin mir sicher wir haben uns blendend verstanden. Da reicht es oft, einfach den Mund zu bewegen und irgendwelche Geräusche von sich zu geben, Hauptsache die Konversation bleibt im Fluss.

Ich hatte aber auch andere Gespräche mit den Khmer. Gespräche, bei denen ich inhaltlich der Konversation folgen konnte, wobei mir da manchmal lieber gewesen wäre, ich hätte nichts verstanden. So nett und unbekümmert die Leute hier sind, sobald man man etwas tiefer vordringt, werden einem Lebensgeschichten serviert, die einen wirklich bewegen. Ein 22jähriger Kerl erzählt mir, dass er bis vor einem Jahr als Playboy in Phnom Penh und Seam Reap gearbeitet hat und das hart erarbeitete Geld zu zwei Drittel zu seiner Familie schicken musste und das andere Drittel regelmäßig verspielt hat.

Ein Tuk-Tuk-Fahrer mit dem ich mich ein bisschen angefreundet habe, hat mir erzählt, dass er seine Freundin nicht heiraten kann, weil er nicht genügend Geld hat. Er schläft im Büro seines Chefs und wenn er Telefonieren muss, hält er bei bei kleinen Mädchen an, die über die ganze Stadt verteilt am Straßenrand sitzen und ihre beiden Handys für Gespräche vermieten. Er weiß nicht, ob seine Geliebte so lange auf ihn warten wird, denn es ist nicht absehbar, dass er überhaupt irgendeinen Pfennig ansparen kann.

So ist Kambodscha ein ambivalenter Ort zu Reisen: man trifft zum einen auf einen extrem lebensbejahenden Menschenschlag, den offensichtlich nichts umhauen kann. Man wird aber auch regelmäßig auf den Boden der Tatsachen zurückgesetzt, wenn man sich die Schicksale hinter den lachenden Gesichtern ansieht.

Bilder von Kambodscha gibt’s hier:
http://www.suitcasestories.de/bilder/28_kambodscha_angkor_wat

http://www.suitcasestories.de/bilder/29_kambodscha_mitte

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Autor: Tobi
Datum: Montag, 25. Januar 2010 16:58
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