Und der Shanghai, der hat Zähne …

Skyline Shanghai

Diese Überschrift darf man getrost wörtlich nehmen. Grausam, hart und gemein erscheint einem China, nachdem man 7 Wochen im stylischen Korea und im feinen und wohlerzogenen Japan verbracht hat.

Statt einem “Welcome back!” gibt es zur Begrüßung erstmal einen “Grünen” vor die Füße gerotzt. Statt “May I help you?” wird der orientierungslose Tourist mit einem Ellenbogen-Hieb aus dem Weg geschafft. Und anstatt Begrüßungsgeld, wird man erstmal so richtig abgezockt.

Aber so ist das hier in China und es ist komischerweise gar nicht so schlimm. All der Dreck, die schlechten Manieren, das Gewusel und Geschupse machen irgendwie den ganz speziellen Reiz dieses eigenartigen Landes aus. Mitten in dieser Mischung aus aufkeimendem Kapitalismus und allgegenwärtigem Kommunismus, gewissenlosem Individualismus und zur Selbstaufgabe neigendem Gemeinschaftssinn entstehen höchst spannende, dynamische und abenteuerliche Geschichten. So wie meine Geschichte. Ich nenne sie:

“Shanghai Tea Party”

(ein Stück von Tobias Bertenbreiter, in drei Akten)

In den Haupt-Rollen:

Bù Cuò: die Redselige (vermeintliche Studentin aus Peking)

Hǎo Hē: die Schüchtern-Attraktive (vermeintliche Restaurantbesitzerin aus Xi’an)

Píng Jìng: die Stille

Tò Bì: das Opfer

Nebenrollen:

Bù Jiànle (vermeintlicher Ehemann von Bù Cuò), ein Tee-Priester, Statisten

1. Akt:

Ein Straßenzug in Shanghai, Tò Bì fotografiert mit seiner imposanten Canon EOS 500 D und wird dabei von 4 Passanten (Bù Cuò, Hǎo Hē, Píng Jìng und Bù Jiànle) angesprochen.

Bù Cuò: “Hallo, wären Sie so freundlich und würden ein Foto von uns machen?”

Hǎo Hē: “Ja, das wäre sehr nett.” (Klimpert mit ihren Augen)

Tò Bì: “Klar, kein Problem.” (fotografiert die Gruppe vor einem auffällig unscheinbaren Gebäude)

Bù Cuò: “Wo kommst Du her?”

Tò Bì: “Aus Deutschland. Oder genauer gesagt: aus Bayern.”

Alle 3 weiblichen Passanten singend und Augen-klimpernd: “Ohhhhhhhhh.”
Der Mann (Bù Jiànle):
“Ah.”

Bù Cuò: “Wir machen hier auch Urlaub. Es ist unglaublich spannend so viele Menschen aus verschiedenen Ländern zu treffen … und jetzt sogar jemanden aus Bayern! Möchtest Du nicht mit uns ein wenig herumgehen, damit wir uns (kulturell) austauschen können. Wir möchten gerne mehr über Dich und Dein Land erfahren. Wir wollten gerade in diese Richtung gehen.” (zeigt nach Norden)

Hǎo Hē: “Ja, das wäre sehr nett.” (Klimpert mit ihren Augen)

Tò Bì: (misstrauisch) “Eigentlich möchte ich in diese Richtung gehen.” (zeigt nach Süden)

Bù Cuò: “Dann kommen wir doch einfach mit. Und danach gehen wir dann zu einer chinesischen Tee-Zeremonie. Das ist bestimmt total interessant. Wir sind ja so an Tee interessiert!”

Hǎo Hē: “Ja, das wäre sehr nett.” (Klimpert mit ihren Augen)
(an dieser Stelle fragt sich der Autor, warum er der Dame den Namen Hǎo Hē (lecker) gegeben hat und nicht Wúzhī De (dumm))

Píng Jìng: (nickt)

Tò Bì: (sich ergebend) “Okay.”

Nach 5 Minuten gemeinsamen Gehens und einem angeregten Gespräch über Bayern, verschwindet der Mann (Bù Jiànle) unter Vorgabe von noch zu erledigenden … ähm … Erledigungen.

2. Akt:

Einige Straßenzüge weiter nördlich. Tò Bì doziert gerade über Oktoberfest, Dirndl und Schnupftabak. Berauscht von seinen eigenen Worten hat er seine Umgebung total vergessen.

Tò Bì: “… und deswegen sind Lederhosen cool.”
(schaut auf) Wieso sind wir jetzt plötzlich doch im Norden?”

Bù Cuò: “Wir wollten doch gemeinsam in diese Tee-Zermonie gehen. Erinnerst Du Dich nicht?”

Hǎo Hē: “Ja, das wäre sehr nett.” (Klimpert mit ihren Augen)
(an dieser Stelle ist der Autor des Stückes versucht, die Dame aus dem Stück zu schreiben).

Píng Jìng: (nickt)

Tò Bì: (sich ergebend und von der Einsilbigkeit Hǎo Hēs angesteckt) “Okay.”

Die Gruppe um Tò Bì betritt ausgesprochen zielstrebig die heiligen Hallen des Tee-Hohe-Priesters. Interessanterweise ist bereits alles für die “Opfergabe” bereitet. Der Tee-Priester erklärt den Ablauf der Prozedur und Bù Cuò übersetzt für den dem Chinesisch (noch) nicht mächtigen Tò Bì . Diverse Teesorten werden in kleine Becher gegossen. Tò Bì nimmt einen der Teebecher wie er es von seinem Bierkrug zu Hause gewohnt ist in die Hand und möchte den Tee in einem Zug austrinken.

Bù Cuò: “Halt. Stop. Du musst den Becher mit den drei Fingern, Zeigefinger, Mittelfinger und Daumen halten. Sonst bringt das Unglück.”

Tò Bì: (sich seiner ausgangslosen Situation immer mehr bewusst werdend) “Für Euch bestimmt nicht …”

Hǎo Hē: (Kichert)

Bù Cuò: “Und nimm kleine Schlücke.”

Tò Bì: (versucht das beste daraus zu machen) “Wieso? Beleidige ich sonst Buddha?”

Bù Cuò: “Nein. Sonst verschluckst Du Dich.”

Tò Bì: (versucht das Beste daraus zu machen) “Mmmmh, was ist das denn für ein Tee? Hopfen-Tee?”

Hǎo Hē: “Nein. Das ist Oolong-Tee. Der macht gaaaanz sanfte Haut.” (Klimpert mit ihren Augen)
(Kommentar des Autors: “§$@&¢¿@” ).

Bù Cuò: “So. Welcher dieser acht Tee-Sorten hat Dir am besten geschmeckt?”

Tò Bì: (wagt einen letzten Versuch sich aus der Affäre zu stehlen) “Ich bin ja eher ein Kaffee-Freund …”

3. Akt:

Tò Bì findet sich mit deinen drei Begleiterinnen draußen an einer Straßenecke wieder. Die Ereignisse der letzten Minuten erscheinen ihm völlig unwirklich. Er ist verstört, nicht er selbst. Er möchte nur noch nach Hause – ins schöne Bayern …

Bù Cuò: “Hey. Das war wirklich total nett mit Dir. Ich wünsch Dir noch eine schöne Reise.”

Hǎo Hē: “Ja, das war voll nett.” (Klimpert mit ihren Augen)

Píng Jìng: (nickt)

Tò Bì: (unfähig zu sprechen) “blblblbl”

Die drei verabschieden sich und verschwinden so schnell wie sie gekommen sind.

Tò Bì: (versunken im Selbstgespräch) “Was war denn das jetzt für ein Film? Und was für komische chinesische Traditionen es gibt: der Ausländer darf alles bezahlen?”

Er kramt in seiner rechten Jackentasche und findet 3 Zettel mit Telefonnummern und ein Teepäckchen. Er blickt in seinen Geldbeutel. Dieser ist jetzt 600 kuài leichter. Kopfschüttelnd steigt Tò Bì in die U-Bahn ein.

Tò Bì: “Ich fahr jetzt nach Qing Dao. Da wird man wenigstens mit Bier beschissen.”

Bilder aus Shanghai und Qing Dao gibt’s hier:

http://www.suitcasestories.de/bilder/18_shanghai

http://www.suitcasestories.de/bilder/19_qing_dao

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Autor: Tobi
Datum: Montag, 23. November 2009 10:43
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