Japan für Anfänger.

Das Paris für viele Japaner die Stadt der Sehnsüchte und Träume ist glaubt man spätestens dann, wenn man vor dem Tokyo-Tower steht. Dieser ist eine um beeindruckende 8m höhere rot-weiße Nachbildung des Eifelturms und gilt als das Wahrzeichen Tokyos. Wer also den Eifelturm mal in einer sauberen und von freundlichen Menschen bewohnten Umgebung sehen möchte, der fährt nach Tokyo statt nach Paris. Das sollte man den Japanern auch zurufen, denn viele möchten die gelobte Stadt wenigstens einmal im Leben mit eigenen Augen sehen. Diese fallen ihnen dann auch raus, wenn sie mit völlig überhöhten Vorstellungen auf die geradezu sprichwörtliche Herzlichkeit der Franzosen und den Sauberkeitszustand der Stadt stoßen. Schockiert und desillusioniert brechen viele Japaner daraufhin ihre Reise ab und landen so nach ihrer Rückkehr prompt auf der Bank des Psychologen – Diagnose: Paris-Syndrom. Ob die Kosten dafür in der Reiserücktrittsversicherung abgedeckt werden?

Aus Solidarität zu den geschundenen Japanern habe ich mir deswegen ebenfalls ein kleines Japan-Syndrom kultiviert. Man sollte diesem Land wirklich eine Bedienungsanleitung beilegen. Oder gleich nach dem Zoll einen Automaten aufstellen, wo man sich die Dos und Don’ts ziehen kann. Auf einen Automaten mehr oder weniger kommt es in diesem Land eh nicht mehr an. Das Land ist damit wirklich vollgepackt. An jeder Ecke findet man Getränke- und Snackautomaten, Spiel- und Spielzeugautomaten. Selbst in kleineren Restaurants gibt’s Bezahlautomaten, sprich: man wählt ein Gericht aus, wirft den passenden Betrag ein und erhält ein Ticket, das man dann der nach wie vor vorhandenen Bedienung übergibt. Bis ich mein erstes Gericht in Fukuoka vor mir stehen hatte, durfte ich in so jedes Fettnäpfchen hineintappen, das in dem Restaurant aufgestellt war. Aber wie immer hat ja alles Negative auch seine positive Seite. Und so war das erste japanische Wort, das sich mir eingemeisselt hat “gomenasai” (Entschuldigung). Gomenasai, gomenasai, gomenasai – sog i (das war bayerisch).

Aber auch bei ganz trivialen Dingen hatte ich so meine Probleme: Mülleimer zum Beispiel. Die Mülleimerdichte in japanischen Städten erinnert an die Eisbärdichte auf der Antarktis. Man gönnt sich an einem heißen Tag ein Eis, isst es genüsslich auf und versucht anschließend, die Umverpackung los zu werden. Aber wohin damit, wenn es so gut wie keine Mülleimer gibt? Das verrückte ist, dass die Städte trotzdem sauberer sind als in der Schweiz, was es beinahe unmöglich macht den Müll einfach fallen zu lassen (was sich mit unserer deutschen Bündnis ’90/Die Grünen-Sozialisierung eh nicht verträgt). Was bleibt einem da anderes übrig, als den Müll mit sich herum zu tragen und die anderen Müll-bepackten Touristen mit einem Wink zu grüßen, wie es sonst nur unter Motorradfahrern üblich ist. Man kennt sich halt. Komischerweise sehe ich nie Japaner mit Abfall in den Händen umherirren.

Apropos umherirren: sehr beeindruckend sind auch meine Orientierungsleistungen in japanischen Städten: es scheint wie ein Fluch über mir zu liegen, dass sich, egal in welcher (japanischen) Stadt ich gerade ankomme, das von mir angesteuerte Ziel grundsätzlich auf der anderen Seite des Bahnhofs befindet. Und offenbar gehört es zu den für mich unmöglichen Dingen, von der einen Seite des Bahnhofs zur anderen zu gelangen. Und das, obwohl ich der Sohn eines Bahnbeamten bin.

Neben diesen etwas gewöhnungsbedürftigen Dingen gibt es aber auch wirklich verstörende Eigenarten. Maid-Cafés zum Beispiel. Das sind Cafés, in denen man sich von als Püppchen verkleidete (hoffentlich nur) minderjährig-wirkenden Mädels bedienen lassen kann und mit ihnen “spielen” darf. Ein Stockwerk weiter unten kann man sich dann neben entsprechender Verkleidung auch aufblasbare Gummipuppen kaufen. In dieses Bild passt dann auch, dass man auf der Straße auffällig viele Mädchen mit Gehfehler flanieren sieht. Es ist ja auch soooooo süß, wenn man ständig auf die Schnauze – Pardon! – das Schnäuzchen fällt, weil man vor lauter Goldigkeit die Füße soweit nach innen stellt, dass einem dieselbigen immer irgendwie im Weg rumstehen.

Bei aller Japanliebe – dafür möchte ich die Bedienungsanleitung erst gar nicht finden.

Bilder vom 1. Teil meiner Japan-Reise gibt’s hier:

http://www.suitcasestories.de/bilder/16_japan_teil_1

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Autor: Tobi
Datum: Dienstag, 20. Oktober 2009 10:46
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