Rhythm & Seoul

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Egal wo man auf der Welt ist – schlägt man die Zeitung auf herrscht immer noch ein Thema vor: die Wirtschaftskrise. Die Arbeitgeber wollen keine Arbeit vergeben, die Geldgeber wollen kein Geld geben und der gute Konsument will keine Güter konsumieren. Wer seinen Blick ausnahmsweise mal auf steigende Werte richten möchte, der sollte Korea (und im Speziellen Seoul) ins Visier nehmen.

Zwei, auf den ersten Blick völlig gegensätzliche, Bereiche stechen dabei besonders hervor. Unglaubliche  Wachstumsraten kann man zum einen bei den christlichen Kirchen beobachten. Ständig wird man von den Zeugen Jehowas angelabert, die mit einem ewigen Grinsen ihren Wachturm an den Mann bringen wollen. Und an jeder Ecke spriesen hier die Start-Up-Kirchen hevor wie im Frühling die Gefühle. Konsequenterweise ist der Glaube hier dann auch mehr Konsumgut – also so eine Art Hobby und Zeitvertreib. In solchen Church-Shows lässt ein Priester dann auch gerne mal Gold regnen. Wasser in Wein verwandeln kann ja heutzutage jeder.

In diesem Kontext ist es dann auch kein Gegensatz mehr, wenn man den offensichtlichen Hang zur Äußerlichkeit beobachtet. Korea ist das trendigste, modebewusstteste und stylischste asiatische Land, dass ich bisher besucht habe. Damit nicht genug: neben der Modebranche blickt auch die Gilde der Schönheitschirurgen in eine rosige Zukunft. Eine neue Nase wird hier mal eben zwischen Metzger und Friseur reingezwängt. “Ein halbes Pfund Leberwurst und für die kleine Lachfalte da hinten eine kleine Portion Botox, bitte.”

Vielleicht gehören diese beiden Trends ja auch einfach zusammen. Vielleicht möchten die Koreaner dem lieben Gott lieber gutaussehend gegenüber treten. Das erhöht vermutlich die Chancen im Himmel ein Plätzchen am Schaufenster zu bekommen. Ich bin mir sicher es gibt auch schon Kirchen mit angeschlossenem Nagelstudio (Nägel haben ja in der christlichen Lehre ein lange Tradition) – ich hab aber leider noch keines entdeckt.

Das Ganze kann natürlich auch eine Protestbewegung sein. Die koreanische Gesellschaft ist ja stark konfuzianisch geprägt, d.h. stark hierarchisch aufgebaut. Sich optisch oder religiös aus der Masse zu erheben scheint dabei der Antrieb zu sein. Mein Vorschlag wäre, sich kulinarisch abzuheben. Versteht mich bitte nicht falsch, das Essen in Korea ist ausgesprochen lecker und abwechslungsreich – wäre da nicht, das in allen Variationen und zu Allem servierte Kimchi*.

Vielleicht ist Kimchi aber auch einach Teil der christlichen Missionierung Koreas und seiner Besucher, damit die steten Wachstumsraten auch erhalten bleiben. Und: es wirkt. Bei jedem Restaurantgang spreche ich nun auch wieder ein kleines Tischgebet: “Oh Herr, ich danke Dir für Deine Gaben, doch Kimchi mag ich nicht ertragen. Amen.”

Bilder von Korea gibt’s hier:

http://www.suitcasestories.de/bilder/12_seoul

*Kimchi ist fermentiertes Gemüse (meist Sauerkraut), das ursprünglich als Nährstoffspeicher für den Winter hergestellt wurde. Heute erfreut sich Kimchi unabhängig von jeder Jahreszeit oder gesellschaftlichem Status ungebrochener Beliebtheit.
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Autor: Tobi
Datum: Montag, 28. September 2009 13:57
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