Mongolia – wie es singt und lacht.

Der Unterschied zwischen einer Jurte in der Mongolei und einem bayerischen Bierzelt ist manchmal kleiner als man denkt. Das hat mehrere Gründe:
Da wäre zum Beispiel die beiderseitige Freude an traditioneller Kleidung zu nennen, die sich sogar noch steigert, wenn diese vom fremdländischen Besuch getragen wird. Wer glaubt, die Mongolen wären freudlose, biedere Menschen, der lasse sich durch die angehängten Bilder eines Besseren belehren. Selten habe ich so aufgeschlossene und gastfreundliche Menschen getroffen wie auf meiner ersten Tour ins Landesinnere. Auch der derbe Humor ist durchaus mit dem der Bayern zu vergleichen. Und wenn nix mehr hilft, dann wird der Schmoizler ausgepackt.

Gemessen an der Anzahl der anwesenden Enzyme ist auch der Alkoholkonsum in etwa mit dem der Bayern zu vergleichen. Ausgestattet mit dem vollen Set an Enzymen ist es somit wie auf der Wiesn: die Bayern verlassen das Fest auf geradem Wege, während sich der Rest in mehr oder weniger umständlicher Weise der Schwerkraft zu entziehen versucht.
Auch die Töne, die aus solch einem Zelt (Jurte) klingen, sind durchaus vergleichbar. Eine alte Tradition der Mongolen (wie Bayern) ist es, die gute Stimmung durch abwechselndes Singen traditionellen Liedguts und Trinkens traditioneller Trinkwaren (in diesem Fall Airag und selbstgebrannter Wodka) weiter zu heben. Und wenn man dann ganz genau hinhört, dann kann es sein, dass einem so vertraute Töne wie “Das Kufsteinlied” entgegen schallen. Genauso wie im bayerischen Bierzelt wird dann von den Massen eine Zugabe eingefordert. Und dann, aber nur dann kann man die zarte Stimme eines Bayern erkennen, wie er zuerst leise und dann immer lauter, weil selbstbewusster, echtes bayerisches Liedgut zum Besten gibt. Ich weiß aus sicherer Quelle: “Drunt’ in der grünen Au” bringt garantiert jede Jurte zum kochen. Da kann selbst das finnisch-britisch Joint Venture mit “Hey Jude” nichts mehr ausrichten.
Neben all den Gemeinsamkeiten, darf man aber auch die Unterschiede nicht ganz außer acht lassen. Die Sprachen Mongolisch und Bayerisch mögen sich im Promille-Bereich vielleicht ähnlich anhören, sind aber an sich grundverschieden. Auch die Größe der beiden Länder unterscheidet sich beträchtlich. Das bedeutet: man ist auf so einer Tour ziemlich abhängig von seinen Guides und den dazugehörigen Fahrern. Wenn die sich aber ebenfalls den weltlichen Genüssen des Selbstgebrannten hingeben, kann das zu unvorhersehbaren Ereignissen führen.
In unserem Fall bedeutet dies, dass wir, nach dieser äußerst authentischen “Haarschneide-Zeremonie” (das ist so wie bei uns die Firmung), irgendwo in der mongolischen Steppe verloren gegangen sind, da beide Fahrer sich nicht mehr ihres Gleichgewichtssinns bemächtigen konnten (darum heißen die ja auch Fahrer und nicht Läufer) und sich unsere Führerin das Ganze nochmals durch den Kopf gehen lassen musste. In dieser Situation heißt es dann kühlen Kopf bewahren und auf die Sensibilität, Weisheit und Erfahrung eines korpulenten, etwa 55-jährigen Kanadiers vertrauen. Scharfgeistig und zielsicher nimmt er die Situation in seine fleischigen Hände und tut das, was jeder, aber auch jeder in so einer Situation tun würde. Er nimmt sich die Führerin zur Seite, sucht sich ein lauschiges Plätzchen und pimpert mal wieder so richtig nach Herzenslust. Richtig so: In solchen Situationen hilft kein Reden mehr – hier müssen Taten folgen.
Der Rest der Gruppe, der nicht über diese interkulturellen Verständigungskompetenzen verfügt, widmet sich simpleren Aufgaben: progressives Führen von Dialogen mit ausschließlich mongolisch sprechenden Fahrern, Ausgleichen enzymbedingter Unpässlichkeiten durch Cola und Kekse oder Wiederauffinden von abhanden gekommenem Guide inklusive Anstand.
Genau wie daheim, braucht es dann einen besonnen, bayerischen Dickschädel, um die Emotionen wieder runterzukühlen. Nach langer Diskussion bewegt sich die Karawane dann weiter – bestückt mit zwei neuen Fahrern und dem eben genannten bayerischen Dickschädel als Prellbock im Kompetenzgerangel zwischen neuem Fahrer und altem Fahrer in der Kabine. Dass das einer gewissen Komik nicht entbehrt, kann man sich glaube ich ganz gut vorstellen.
Meine neue Aufgabe bestand also darin, zwischen einem etwas zur Melodramatik neigendem Hollywood-Amerikaner und einem betrunken (Bei-)Fahrer eine Art Barriere aufzubauen. Selten habe ich so flüssiges Mongolisch gesprochen und dabei so viel komprimierten Müll gelabert, nur um den Mongolen davon abzulenken, sich die Schlüssel zu schnappen bzw. ins Fahrgeschehen einzugreifen. Und selten war Urlaub so anstrengend.
Wie das eben so mongolischer Brauch ist, irrt man dann so lange in der einsetzenden Finsternis umher, bis man dann auf dem Weg zur nächsten Jurte in der Unendlichkeit der mongolischen Steppe verloren geht. Der Veranstalter hat dabei aber immer fest die Klimax im Auge – die Touries sollen ja schließlich auf ihre Kosten kommen. Da wird also mitten in der Nacht wahllos eine auf dem Weg liegende Jurte angesteuert und die darin schlafende Kinder an den Beinen herausgezogen, damit das aufbegehrende Touristen-Pöpel ein Dach über dem Kopf bekommt. So machen die das also hier. Von denen können wir Bayern echt noch was lernen.
Bilder von meiner ersten Tour ins mongolische Outback (Ger To Ger) gibt’s hier:
Dienstag, 1. September 2009 23:54
der hat Scrat aufgespießt…
Mittwoch, 16. September 2009 0:45
Falls Du vor hast von Deinem Trip einen Dia Abend zu machen, dann bringt genügend Koks mit. Könnte sein, dass Deine Zuschauerschaft das gut brauchen kann.
Mittwoch, 16. September 2009 0:46
Den Schädel da auf der Wiese, hoffe ich ja schwer, dass der in einem Postpaket auf dem Weg zu mir ist. Wenn nicht, dann kannst Du das gerne auch in einem anderen Land Deiner Wahl nach holen.