From Russia with love.
Es ist schon verblüffend, wie schnell man sich anfreunden kann, obwohl die Sprachschnittstellen minimal sind. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten: 4 Tage zusammengepfercht in der Tranissibirischen Eisenbahn reichen völlig aus, um zunächst finster dreiblickende russische Soldaten in ausgelassen einen Deutschen feiernde Menschen wie du und ich zu verwandeln. Umgekehrt wird der Russland-kritische, eher pazifistisch eingestellte Deutsche zum adoptierten Halbrussen, der die russische Nationalhymne mitbrummelt. 4 Tage intimer Enge reichen aus. In meinem Fall gnadenloser Enge. Dazu muss ich kurz das Prinzip der transsibirischen Eisenbahn erläutern:
In der Transsib gibt es drei Klassen:
Die 1. Klasse besteht aus 2-Bett-Abteilen (sog. Coupes). Die ist unter Backpackern grundsätzlich quasi eine persona non grata und wird demnach ignoriert.
Die Reisenden der 2. Klasse (4-Bett-Coupes) werden von Backpackern, die es nur bis zur Platzkarty geschafft haben, also 3. Klasse mit offenen Abteilen (von den 2. Klasse-Backpackern auch Chicken-Train genannt), als Champagner-trinkender und Kaviar-fressender Snob verlacht.
In meinem speziellen Fall kann aber vom erhofften “Luxus” der 2. Klasse kein Rede sein. Zu Hochzeiten saßen bis zu acht gestandene Soldaten in meine Abteil, das dann einer einzigen Fressbude glich. Die feinen Herren waren alle auf dem Weg zur mongolischen Grenze, um dort ihren Dienst an der Grenze anzutreten. Entsprechend wurden sie kulinarisch von ihren Frauen bzw. Müttern versorgt. Das Coupe ist vor lauter (mehr oder weniger interessanten) Leckereien buchstäblich aus allen Nähten geplatzt. Und ich nach Aufnahme in die Familie ebenso.
Wer sich also – wie ich – auf vier ruhige Tage, des Meditierens und in sich Gehens, der Muse und des Studierens solch bedeutender Literatur wie “Der Mann ohne Eigenschaften” von Robert Musil oder Albert Einsteins Weltbild, eingestellt hat, wurde schnell eines besseren belehrt.
Keine Sekunde Langeweile kommt auf, wenn man so tief in die russische Seele blicken durfte wie ich. Der Höhepunkt der vier Tage dauernden Festlichkeiten war dann die Übereichung der handsignierten russischen Nationalflagge mit anschliessendem Appell, was dann anschließend in einer Parade auf dem Irkutsker Bahnhof gipfelte. Während ich nämlich noch meine sieben Sachen zusammenraffen musste, stiegen die Jungs bereits aus und feierten meine Ankunft frenetisch, sobald ich am Ausstieg des Wagons erschien. So muss sich also Lenin gefühlt haben, als er aus seinem Schweizer Exil nach St. Petersburg zurückkehrte.
Bilder zum ersten Abschnitt der Transsibirischen Eisenbahn gibt’s hier:
http://www.suitcasestories.de/bilder/05_transsib_moskau_irkutsk
Montag, 24. August 2009 13:25
Oh Mann, du bist mein Held!
Ich bin schwer beeindruckt, was du alles erlebst und sogar (das gebe ich offen zu) ganz schön neidisch. Anstelle 4-tägige sibirische Zugparties zu feiern, sitze ich im Büro und ärgere mich mit Pixeln und Kunden rum.
Bitte mach weiter so, lass uns weiter Teil haben an den Stories aus deinem Reisetagebuch. Wir sind und bleiben treue Leser.
Du bist der Held meines Büroalltags!
Montag, 14. September 2009 7:25
Verlacht?
Hmmm. In wenigen Tagen starten wir in Basel zu unseren 10000km bis Peking – bin sehr gespannt auf die Erlebnisse in diesen Zügen! Ich (mit meinen 192cm) mache mich schonmal auf das Krasseste gefasst. Wir fahren auch 2. Klasse.